TEXTE ZUR MUSIK
Grafische Orchestermusik
Aspekte zur Gestaltung von zeitgenössischer Orchestermusik
mit Beispielen grafischer Notation
© Norbert Stein

Das kleine Kompendium dient der Betrachtung und Analyse von wesentlichen Elementen und Gestaltungsmöglichkeiten zeitgenössischer Orchestermusik jenseits der traditionellen Notation im 5-Liniensystem.
Aus dem unten angerissenen Spektrum an Möglichkeiten von Zuständen, Bewegungen und Ereignissen im Orchesterraum hat Norbert Stein aus der musikalischen Praxis heraus eine kunstvolle grafische Zeichensprache für seine Pata-Kompositionen entwickelt. Mit ihr werden klare musikalische Situationen und Ereignisse für ein Orchester generiert und komplexe musikalische Abläufe gesteuert. Durch ihre Offenheit hinsichtlich der instrumentalen Besetzung eines Ensembles ist für die Realisierung einer grafischen Pata-Komposition eine unendliche Vielfalt an sich daraus ergebenden Klangmöglichkeiten denkbar.
Um der individuellen Ausdruckskraft eines improvisierenden Orchesters Entfaltungsmöglichkeit zu geben, sind die gestaltschaffenden Kompositionsmodule so gehalten, dass sie die Balance halten zwischen "so konkret wie kompositorisch nötig" und "so offen wie für ein lebendiges Orchester nötig".
Regionen im Orchesterraum
Die Aufteilung des Orchesters in mehrere räumliche Einheiten schafft die Möglichkeit Musik als regionales Ereignis zu inszenieren. Die örtlichen Regionen im Orchesterraum können durchaus andere interne Grenzen wie z.B. Instrumentenfamilien überlagern.
Unterschiedliche Ereignisse in verschiedenen Orchesterregionen schaffen die Darstellung und das Erleben von Gleichzeitigkeit/Parallelität.
Beispiel einer Aufteilung des Orchesterraumes in 4 Regionen:

Regionale Bewegungen im Orchesterraum
Orchesterereignisse können im Orchesterraum ihre Position verändern.
Möglichkeiten der Ereignisbewegungen sind:
- eine sprunghafte Veränderungen oder
- eine kontinuierliche Veränderungen
Beispiel einer notierten Ereigniswanderung:
Ein Ereignis wandert/fließt in exklusiven, kleinen Orchesterausschnitten (d.h.: es ändert sich der zahlenmäßig in etwa gleichbleibende Orchesterausschnitt)
Gruppierungen der Musiker
Gruppierungen innerhalb des Ensembles sind nach folgenden Kriterien möglich:
- Instrumentenfamilien:
- Bläser
- Holzbläser
- Blechbläser
- Saiteninstrumente
- Tasteninstrumente
- Elektronische Instrumente
- etc.
- Bläser
- Lokale Position der Musiker im Orchesterraum:
- vorne
- hinten
- links
- rechts
- Mitte
- alle/Tutti
- etc.
- Außermusikalische Gruppenbildung der Musiker:
- alphabetisch nach Vor- oder Nachnamen
- männlich, weiblich
- etc.
- ausgesuchte Kleinformationen:
- Solo
- Duo
- Trio
- Quartett
- Quintett
- etc
Beispiel einer Gruppierung nach Instrumentengruppen (Blechbläser - Holzbläser - Stimmen - Streicher Harmonieinstrumente - Schlagwerk):

Eine detaillierte Übersicht über die Spiel- und Kompositionsmöglichkeiten von Musikern - durch Zuordnung von Farben - findet sich im Kapitel zu den grafischen Kompositionen.
Tempo der Ereignisse
Alle musikalischen Ereignisse können entweder auf der Basis von metrischer Zeiteinteilung oder organischem Zeitempfinden stattfinden.
Metrische Zeiteinteilung hat Puls/Metrum/Taktschlag als messbares Tempo mit statischer Zeiteinteilung (z.B. Tempo 120 MM) und organisches Zeitempfinden basiert auf Geschwindigkeit als "gefühlte" organische Zeitart.
In der Orchesterpraxis hat sich die Unterscheidung in 7 wesentlich unterschiedliche Tempoauffassungen/Tempoabstufungen bewährt:
| Auflösung der Zeit | |||||
| ultra-schnell | Tempozerfall in "hoher Dichtegrad" |
||||
| sehr schnell | |||||
| schnell | |||||
| medium | |||||
| langsam | |||||
| sehr langsam | |||||
| ultra-langsam | Tempozerfall in "fast statischer Verlauf" |
||||
| Angehaltene Zeit |
Ultra-schnell und Ultra-langsam bilden Übergänge in den Tempozerfall:
- Ultra-schnell wandelt sich im Verständnis zu einem Hohen Dichtegrad
- Ultra-langsam wandelt sich im Verständnis zu einem Fast statischen Verlauf
- Der Tempozerfall des Hohen Dichtegrades transzendiert zur zeitlichen Schwerelosigkeit, der Auflösung der Zeit
- Der Tempozerfall des Fast statischen Verlaufes transzendiert zum zeitlichen Einfrieren, dem Anhalten der Zeit
Beispiel einer notierten Verlangsamung in 5 Schritten ("Tutti AUF ZEICHEN langsamer werden bis zum Einfrieren"):

Dichte der Ereignisse
| geschlossen | ||||
| extrem-dicht | ||||
| sehr dicht | ||||
| dicht | ||||
| mittel | ||||
| spärlich | ||||
| sehr spärlich | ||||
| extrem-spärlich | ||||
| nichts |
Möglichkeiten der Dichteveränderung:
- sprunghafte Veränderungen oder
- kontinuierliche Veränderungen
Beispiel einer Notation einer Veränderung von Ereignisdichte (und -tonhöhe) eines "Pixelfeldes":

Tonhöhe der Ereignisse
In der Orchesterpraxis hat sich die Unterscheidung in 5 wesentliche Tonhöhenangaben bewährt:
| ultra-hoch | |||
| sehr hoch | |||
| hoch | |||
| mittel | |||
| tief | |||
| sehr tief | |||
| ultra-tief |
Ultra-hoch und Ultra-tief bilden Übergänge in den Bereich außerhalb der menschlichen Hörfähigkeit.
Möglichkeiten der Tonhöhenveränderung:
- sprunghafte Veränderungen oder
- kontinuierliche Veränderungen
- über Mikrointervalle stattfindende Veränderung in Glissandi
Beispiel einer kontinuierlichen Tonhöhenveränderung über alle Tonhöhenbereiche:

Beispiel einer notierten Tonhöhenveränderung (eine Klangänderung als sukzessive Verschachtelung von 3 Gruppen und dann als Tuttiänderung in 12 simultanen Blöcken):

Beispiel einer notierten Tonhöhenveränderung als 3-fache-Schleife/Loop:

Lautstärke der Ereignisse
In der Orchesterpraxis hat sich die Unterscheidung in 5 wesentliche Tonhöhenangaben bewährt:
| extrem-laut | ||||
| sehr laut | ||||
| laut | ||||
| mittel | ||||
| leise | ||||
| sehr leise | ||||
| extrem-leise | ||||
| Stille |
Möglichkeiten der Lautstärkeveränderung:
Die Superposition
Die "Superposition" bezeichnet die Orchestersituation der Ungeformtheit, das temporäre Meer der Möglichkeiten vor dem formenden und bestimmenden Eingreifen des Dirigenten, die Ursuppe des Chaos, der unbehandelte Steinblock des Bildhauers in dem noch alle möglichen Formen verborgen sind:
- Jeder spielt (oder spielt nicht) in seiner eigenen Welt.
- Es findet keine bewusste Kommunikation bzw. keine absichtliche Gestaltung unter den Musikern statt
Mit dem kompositorischen Einsatz der "Superposition" ist das entstehende Klangbild zwar ereignisoffen, hat jedoch als "kollektive Anarchie" seinen eigenen Charakter.
Beispiel einer Superposition: Das Einspielen eines Symphonieorchesters vor dem Auftreten des Dirigenten.
Materialwelten
Eine Beschränkung auf exklusives Material zur Musikerzeugung und/oder bestimmte charakteristische Spielweisen dient der Erzeugung von differenzierten Klanggestalten.
- Exklusive Materialwelten:
- nur Luft
- nur Geräusche
- nur Metall
- etc
- Bestimmte Spielweisen:
- Triller
- Pizzicato
- Multiphonics
- punktuell
- etc
- Bestimmte Ereigniszustände
- Tempo der Ereignisse
- Tonhöhe der Ereignisse
- Dichte der Ereignisse
- Lautstärke der Ereignisse
- etc.
Beispiele von Symbolen zur Erzeugung bestimmter Materialwelten durch Anwahl von charakteristischen Klängen bzw. Klangerzeugung oder Spielweisen:

Veränderungen von Klang- oder Materialwelten können orchesterglobal geschehen oder in Orchesterregionen stattfinden.
Eine Veränderung kann als plötzlicher Wechsel stattfinden oder sich als allmähliche Verwandlung vollziehen.
Option:
Eine orchesterglobale Veränderung kann als Endergebnis sukzessiver Änderungen einzelner Orchesterregionen gestaltet werden.
Szenische Gewichtung
In der Gestaltung des musikalischen Geschehens können Aktionen der Spieler auf verschiedenen Funktionsebenen mit unterschiedlichen Positionen in der Tiefe des Ereignisraumes stattfinden:
- Vordergrund:
- Solisten
- Features
- etc.
- Mittelgrund:
- Umgebung
- Grooves
- Klangwelten
- Ereigniswelten
- etc.
- Hintergrund:
- Klangwelten
- Ereigniswelten
- choreografische Aktionen
- etc.
- Nebenereignisse
Beispiel eines Ereignisaufbaus: Solist (Vordergrund) - sich verzahnende Rhythmen (Mittelgrund) - seltsame kleine Geräuschen (Hintergrund) - freie Ereignissituation (Nebenereignis)

Eine Hierarchie innerhalb der Funktionsebenen ist z.B. durch unterschiedliche Lautstärkeniveaus zu erreichen.
Fenster im grafischen Fluss
Mit "Fenster" wird die Möglichkeit bezeichnet, in die grafische Notation konkret, traditionell auskomponierte Musik(teile) einzubinden. -> Referenzen
Einsatzmöglichkeit eines musikalischen Fensters:
- als Bruch, Einschub
- als Hintergrund
- als Nebenereignis
Wirkungsweise eines musikalischen Fensters:
Schöpferische Referenzen
"Referenzen" nutzt die Kenntnisse des Musikerkollektivs über verschiedenste Ästhetiken, Stile und Spielarten in der musikalischen Welt und nutzt die Fähigkeit des Ensembles diese "Modi" durch bloße Nennung des Begriffs improvisatorisch zu erzeugen und sich in ihnen ausdrucksstark zu bewegen. Hier zeigt sich die Stärke und Vielfältigkeit eines improvisierenden Orchesters.
- Musikkulturen:
- Jazz
- Neue Musik
- Choral
- etc.
- außermusikalische Bewegungsbilder und Situationen:
- bleiern
- Quecksilber
- Tai Chi
- etc.
- Verhaltensweisen:
- zögerlich
- zaghaft
- hektisch
- grob
- etc.
- assoziative Phantasien:
- Eiskristalle
- tiefer Sumpf
- etc.
Beispiel eines Notationssymbols zur Klangschaffung durch assoziative Phantasie:

Beispiele einer Realisierung von grafischer Orchestermusik:
- "Graffiti Suite"(Norbert Stein Patamusic played by NDR Bigband).
- Videomitschnitt einer Realisierung des ersten Satzes der "Graffiti Suite" durch das James-Choice-Orchestra im Rahmen der MusikTriennale Köln:
"Franz Pataeng"
(Teil 1)


